Die Sache mit dem Sündenbock (Oil Spill)
Ich habe lange überlagt, ob ich diesen Post schreiben soll. Wie ihr seht habe ich mich doch dazu durchgerungen. Zuerst muss ich etwas klar stellen, ich will weder das Verhalten von BP schönreden, noch die Katastrophe im Golf von Mexiko klein reden. Ich versuche nur die Sache, sagen wir, von einer anderen Seite zu beleuchten. Ich freue mich über Kommentare zu diesem Thema, ich denke da könnte sich eine spannende Diskussion entwickeln.
Seit dem 20. April geistern die Meldungen durch meinen Feedreader. Die Bohrinsel „Deepwater Horizon“ ist zuerst explodiert, dann gesunken. Seitdem strömen jeden Tag, unaufhaltsam, 4.680.000 Liter Rohöl in den Golf von Mexiko. Solche Bilder (nichts für sanfte Gemüter) zeigen nur einen Bruchteil der tatsächlichen Katastrophe und es ist noch lange kein Ende in Sicht.
Die Medien und mit ihnen auch die Bevölkerung zeigen mit dem Finger auf BP. Die Wut richtet sich auf diesen verantwortungslosen Konzern. Wie konnten sie teure Sicherheitseinrichtungen weg lassen. Wie konnten sie an so einer gefährlichen Stelle so tief bohren? Die Katastrophe wäre zu vermeiden gewesen, kann man an jeder Ecke lesen.
Wenn ich jetzt sagen würde, wir sind mit schuld an dieser Katastrophe, würden viele mit dem Kopf schütteln. Schließlich war es doch BP, die die fetten Gewinne eingestrichen und gegen jede Vernunft gehandelt haben. Doch ist es wirklich so einfach? Jetzt sind wir an dem Punkt über den ich mir schon länger Gedanken mache. Zuerst muss man wissen, wozu Erdöl überhaupt verwendet wird. Die folgenden Daten sind von 1999.
- 71% Benzin/Diesel
- 20% Petrochemie (Kunststoffe, Kosmetik etc. )
- 9% Sonstiges (Bitumen, Schmierstoffe usw.)
Nur um das zu verdeutlichen, wir benötigen weltweit 13.833.000.000 Liter Erdöl, TÄGLICH! Ich denke, da muss man keinen galileoartigen Vergleich ala das sind X Heißluftballons anstellen, um zu sehen wie gigantisch diese Zahl ist (Ok, ok, es sind 2.305.500 Heißluftballons).
Davon wird 71% nur für den Verkehr verwendet. Zum Beispiel, um Kartoffeln in Spanien zu ernten, nach Polen zu fahren, sie dort zu schälen, um sie dann nach Deutschland in den Supermarkt zu stellen. Für eine Woche Pauschalurlaub auf Malle und Pomelos aus Asien. Wir müssen täglich einkaufen fahren, unsere in Kunststoff verpackten und mit Weichmacher verseuchten Wahren, in immer wieder neue Plastiktüten packen. Dabei besitzen wir nicht mal den Anstand, die Tüte zweimal zu verwenden oder auf Mehrwegflaschen zurück zu greifen. Wir kaufen Plastikeier, gefüllt mit Plastikschrott, der nach zwei mal anschauen in den Weiten der Couchritze verschwindet. Jeder braucht ein, ach was zwei, Autos man muss schließlich mobil sein. Öffentliche Verkehrsmittel sind doch was für Sozialpädagogen.
Aber das war noch lange nicht alles. Schließlich will man auch mit möglichst wenig Arbeit, viel Gewinn erwirtschaften. Hey BP, ich will ne anständige Rendite auf meinen Aktienfond. Ihr habt doch erzählt, mit Rohstoffen lässt sich gut Geld verdienen. Also her mit der Kohle.
In Großbritanien stehen (und fallen) viele Rentenfonds auf den Aktien von BP, fragt mal einen Engländer was er davon hält, BP in die Pflicht zu nehmen. Seine Begeisterung wird sich in Grenzen halten.
Was ich damit sagen will, der Konzern steht unter großem Druck, "günstig" Öl zu produzieren (wie teuer sie weiter verkaufen, steht auf einem anderen Blatt). Wie man das macht, hat die „Deepwater Horizon“ gezeigt. Es wird an den Menschen, der Technologie und der Ausrüstung gespart, es werden immer gefährlichere Gebiete erschlossen und immer größere Risiken in Kauf genommen das schwarze Gold zu bergen.
So lange wir diese ganzen Annehmlichkeiten genießen können, stört das keinen Mensch. Erst wenn herauskommt, das mal wieder Radioaktiver Schrott, der beim Bohren entsteht, an Kindergärten verschenkt wurde. In Kasachstan ganze Landstriche radioaktiv verseucht sind, ein Tanker kentert oder eine Bohrinsel sinkt. Dann sind wir alle da, suchen uns einen Sündenbock, treiben ihn durch Dorf und legen uns am Abend beruhigt schlafen. Vielleicht träumen wir davon wie sich die Russen dem Problem annehmen, und das Loch mit einer Atombombe stopfen (das ist kein Witz).
Aber hey, wusstet ihr, dass Amy Winehouse wieder in der Klinik ist?
just my 2 cents
thinkJD (der wahrscheinlich keinen deut besser ist)
Quellen:
http://www.chemgapedia.de
Wikipedia
Tagesschau

Twitter: metaxmx
Hey, ein sehr guter Artikel, thinkJD!
Gerade weil du das mit den Aktien ansprichst: Ich habe vor einiger Zeit mit ein paar Freunden auch festgestellt, dass viele Leute, die dauernd über die großen Konzern, die Globalisierung und die Gier der großen Bankenchefs meckern, trotzdem irgendwelche Aktienpakete oder Fonds dazu besitzen, weil sie ja “was vom Kuchen abhaben wollen”.
Ich finde hier verhält es sich ähnlich: Jeder will davon profitieren, wenn aber mal was passiert, dann war man plötzlich schon immer dagegen und die andern sind schuld.
naja, es ist zwar nicht gerechtfertigt, denen die alleinige schuld zuzuweisen, aber ich frag mich trotzdem, wie eine firma, die so abhängig von ihrem umsatz mit öl ist, es meint sich leisten zu können, nicht genug sicherheitsvorkehrungen zu treffen, um ihre bohrungen und ihr wertvollstes rohstoff zu sichern. also abgesehen von der umwelt, die sie vielleicht nicht so juckt (man weiss es nicht), machen sie doch verluste dadurch, dass ihnen wertvolles öl wegläuft, weil sie zu doof waren, sich von vorneherein irgendwas für notsituationen zu überlegen! insofern find ich schon, dass man es ihnen durchaus vorwerfen kann. schon alleine aus purem egoismus würd ich mich um anständiges katastrophenmangement für meine firma kümmern. aber naja, jeder firmenchef denkt immer nur so weit, wie er chef ist…. und irgendein mist wird bestimmt erst dem nächsten chef passieren. ^^° man kann ja vielleicht hoffen, dass sie irgendwas draus lernen, was ich aber nicht glaube. schließlich sind schon lauter tanker gesunken und trotzdem halten es die leute nicht für nötig, drauf zu achten, dass die dinger wenigstens einigermaßen in schuss bleiben. vielleicht ist ihnen ihr öl ja doch nicht so viel wert, wenn sie’s tonnenweise in den ozean gießen, obwohl es zu vermeiden wäre?
Twitter: thinkJD
@Asu
Die Menge Öl, welche da in den Ozean fließt, ist eher gering, gemessen an der täglichen Fördermenge. Den Hauptverlust machen sie im Moment an den Ausgaben das Loch zu stopfen und Schadensersatzansprüche zu erfüllen.
Du hast natürlich recht, sie hätten sich um ein besseres Katastrophenmanagement kümmern müssen. Es ist wohl wie so oft, normal passiert ja nix. Ach so ein Atomkraftwerk … normal passiert da nix
Zum Thema daraus lernen, ich glaube etwas Ähnliches ist schon einmal passiert. Muss mal die Quelle suchen.
@metax
Full Ack
@thinkJD: Naja, der Image-Schaden kostet aber auch viel. Und ich glaub, in Atomkraftwerken ist bisher weitaus viel weniger passiert, als in der Öl-Industrie. Da sind alle etwas eh…. paranoider.
Twitter: thinkJD
@*ASU*
Äh, stimmt …
Über kurz oder lang wird der Imageschaden vielleicht sogar das Teuerste sein.
Bei den Atomkraftwerken bin ich mir nicht so sicher. Also prozentual gesehen, es gibt viel mehr Tanker, Bohrinseln, Pumpen etc. als A-Kraftwerke.
Twitter: thinkJD
Hab die Quelle gefunden:
Die größte Katastrophe dieser Art, war am 03.06.1979, zufällig auch im Golf von Mexiko. Damals traten 351.000.000 Liter Öl aus. -> http://en.wikipedia.org/wiki/Ixtoc_I_oil_spill
Eine Liste aller (bekannten) Ereignisse dieser Art gibt es hier -> http://en.wikipedia.org/wiki/List_of_oil_spills
*gulp*